Über das Kaufhaus

Sönke Paulsen, Berlin

ich sitze hier, weil ich diese Zeit loswerden muss. Die Zeit, die mich quält, unter Medikamenten gegen meine Rhythmussttörungen, die ich hoffentlich in drei Wochen nicht mehr brauche. Das körperliche Elend, die Übelkeit als Folge der Medikamente, all das, was mich Zuhause verrückt macht, neben der Scheidung und der Angst vor  der Zukunft.

Mein ganzes Rezept dagegen ist das Kaufhaus. Das Kaufhaus ein zerstreuender ablenkender Ort, an dem ich mich aufhalten kann und es auch darf. Ich fühle mich hier legitimiert, fast schon mehr als Zuhause auf mein Dach wohin ich mich schon vor acht Jahren zurückgezogen habe. Dort könnten sie kommen und mich vertreiben, mit Blicken, mit Worten, wenn auch nicht mit Taten. Ich rede von den Feinden die ich in der Familie habe, meiner Frau und meinem Sohn. Ich rede nicht von weniger, als vom Zusammenbruch jeglichen Vertrauens, dem Ende einer Zeit und dem Anfang des Endes, das ich mir immer wieder vorstelle. Das Ende, kalt sinnlos und endgültig. Davor schützt mich noch das Kaufhaus, das muss ich so sagen!

Vom Kaufhaus träume ich auch, hatte heute Nacht meine Matratze in einer Menschen-Schlange. Die Leute sind über mich gestiegen und ich habe irgendwann gesehen, dass ich meine Matratze zur Seite bringe. Aber ich habe mich nicht schlecht oder unwohl gefühlt.

Das Kaufhaus ist ein Ort der noch Wärme für mich abstrahlt an dem ich mich schon als Kind mit meiner Muttter stundenlang aufgehalten habe. Wir fuhren mit dem Alsterdampfer vom Mühlenkamp zum Jungfernstieg, wo sich das Alsterhaus noch heute befindet. Heute fahre ich nicht mehr mit dem Schiff zum Einkaufen. Aber eines ist geblieben. Das Kaufhaus, der Ort wo ich hingehe, wenn ich irgendwo fremd bin oder wenn mir alles fremd wird.Das Kaufhaus ist mir niemals fremd. Auch wenn ich mich als Kind dort verlaufen habe und manchmal panisch nach meiner Mutter suchte.

Aber es ist nicht nur das Kaufhaus. Drumherum eine Shoppng Mall mit kostenlose Toiletten, mit einem kleinen Raum, in dem sich Bücher und gemütliche Sessel befinden. Dort habe ich in den letzten Tagen einen Autor gelesen, der mir bisher unbekannt war. Ein Belarusse, ziemlich gut, der aber unter seiner belarussischen Bedeutungslosigkeit leidet, auch wenn er offiziell in europäischen Literaturkreisen angekommen ist.

Er schildert in seinem Essay den eigenen literarischen Weg von Minsk über Berlin und Hamburg nach Paris in freier Form und fängt mit dem belarussischen Dorf an, zu dem er in seinem Text immer wieder zurückkehrt, in der Form einer alles vernichtenden Bedeutungslosigkeit., aber auch einer Heimat. Das Dorf in dem er gar nicht aufwuchs, sondern in der Stadt Minsk. Aber alle Minsker kãmen vom Dorf erklärt er. Auch meine Eltern kamen vom Dorf. Sie waren Bauernkinder ohne Hof und gingen gemeinsam nach Hamburg, wo meine Schwester und ich zur Welt kamen.

Von Paris sucht er schließlich den Zug zurück nach Minsk wobei ihm nicht einmal Google weiterhelfen kann und schon gar nicht der Mann am Fahrkartenschalter auf dem Pariser Gare d l´est. Schließlich nimmt er ein Flugzeug nach Vilnius, das zumindest von Paris aus angeflogen wird. Dann endet der Essay und mit einer fast schon kämpferischen Erklärung, gegen die belarussische Nichtexistenz in der Hauptstadt der Welt. Er erklärt dagegen angehen zu wollen, mit allem was ihm möglich ist. Also mit Wenigen.

Ich kann mich damit identifizieren, obwohl ich weder Russe noch Belarusse bin und nur in Scheidung von einer Ukrainerin lebe, die russische Sprache nur notdürftig kann und eigentlich aus Hamburg komme, wo Bacharejew ebenfalls eine Weile gelebt hat.Hamburg,wo wir damals lebten und wo sich das große Kaufhaus befand mit Blick auf die Alster.Der Duft der großen weiten Welt, den meine Mutter so liebte. Hamburg in den Sechzigern. Sicher gab es Kaufhäuser schon im 19. Jahrhundert, erlebten eine erste Blüte in den Zwanzigern und standen in meiner Kindheit für das Wohlstandsversprechen der Nachkriegszeit.

Seitdem sind Kaufhäuser für mich Sehnsuchtsorte geblieben. Hier und heute fallen mir die àltlichen  Verkäuferinnen auf. Vor Jahren waren es die Attraktiven, die im Kaufhaus arbeiteten, vor allem in den Beauty-Abteilungen Parfümerie und Schmuck. Aber heute dominiert ein vertrockneter Teint unter einer dicken Schicht Makeup. Ich  glaube fast die Schönen von damals zu erkennen, obwohl das eigentlich nicht sein kann. Sie scheinen es zu spüren, wenn ich sie lãnger als gewohnt ansehe und manch eine löst sich dann aus ihrer Maske und lächelt mich leicht an. Ich freue mich darüber, aber es ist nicht repräsentativ. Die meisten Verkäuferinnen wenden sich sofort ab, so als ob ihnen schon lange alles zu viel ist und ich in diesem Augenblick natürlich auch.

Etwa ein Drittel der Verkäuferinnen hier ist jünger als Fünfzig, alle anderen sind in die Jahre gekommen, genau wie das Kaufhaus und die Idee einen Ort zu schaffen, wo es alles gibt, was schôn und wichtig oder unwichtig ist. Ich meine einen realen Ort, wo man hingehen und als ganzer Mensch mit allen Sinnen eintauchen kann.

Das Kaufhaus ist in die Jahre gekommen, ich bin selbst in die Jahre gekommen! Aber besser als das Internet sind wir allemal. Das Kaufhaus ist ein Ort für mich, während das Internet ein Nicht-Ort ist, es  existiert eigentlich nicht, ein Ort für Untote, auch wenn es derzeit boomt, die ganze Welt auf den Kopf stellt und sich anschickt uns Menschen vollständig zu kleinen Bit-Haufen zu degradieren.

„Komm mit,“ sagte der Esel zum Hund, „etwas besseres als den Tod findest Du überall.“ Ich denke daran, dass die Käufhäuser fast überall sterben. Das finde ich bedenklich. Dabei fühle ich mich wie der Esel, der nach anderen Tieren sucht, mit denen zusammen er Mut schõpfen kann.

Damals im Wirtschaftswunder herrschte Aufbruchstimmung. In den Kaufhäusern gab es die ersten Elektrogeräte, wenn auch sehr hochpreisig, Ich glaube meine Mutter kaufte damals einen Föhn für ein Wochenbudget der Haushaltskasse. Inzwischen bieten Kaufhäuser überwiegend Mode an. Der letzte Bereich mit dem sich die Leute lieber im Geschäft eindecken, als im Internet. Kleidung möchte man anfassen, bevor man sie kauft.

Das Kaufhaus birgt unzählige Erinnerungen. Wertheim am Kudamm, wo ich damals mit Natascha glücklich war. Der Samstag war für das Kaufhaus reserviert  und meist kamen wir zufrieden bepackt mit Einkäufen nachhause. Aber das war nur eine Phase, wie vieles im Leben.

Das Kaufhaus überhaupt ist eine Phase und befindet sich im Wandel, wird zum Bekleidungsgeschäft mit ein paar Haushaltswaren, der Rettungsanker für Kaufhäuser in Schieflage, aber zugleich ein unwiederbringlicher Abbau der zugegeben unvermeidlich war. Auch das funktioniert nur noch wegen der Alten, die  tapfer teure Töpfe für ihre Enkel kaufen.

Andere Hâuser haben sich auf Billigwaren aus Asien spezialisiert. So große Namen wie Woolworth sind zu 1-Euroläden verkommen.

Heute ist der 3. März, genau 10Tage bis ich meine Tabletten reduzieren kann. Dann wird es mir besser gehen, hoffentlich. Die Sonne scheint und es wird wärmer. Zur Feier des Tages war ich beim Friseur. Dort, angesichts der bärtigen Männer beschlich mich meine bekannte Unruhe, die sich aber plötzlich zur Panik steigerte, bei dem Gedanken, dass ich jetzt nicht einfach abhauen kann. Was sollten diese Männer von mir denken? Die Situation kenne ich aus meiner Jugend, plötzlich eskalierende Angst, vor der mich meine Unruhe schon einige Zeit gewarnt hatte.

Ich hatte viel Angst als Jugendlicher bin damals mit gesenktem Kopf durch die Kleinstadt gegangen, konnte niemanden anschauen. Aber auch dort gab es damals ein Kaufhaus in das ich flüchten konnte vor meiner Unsicherheit, oben mit einem Restaurant.

Jetzt flüchten die Alten in das Kaufhausrestaurant, unbeholfen aus der Zeit gefallen fragen sie die Kassiererin ob sie sich Papierservietten nehmen dürfen und behindern sich gegenseitig an der Kasse, teils unabsichtlich teils provozierend. Ein Panoptikum des menschlichen Verfalls, ich kann das nicht anders sagen.

In der Shopping -Mall gibt es aber auch die ganz Jungen. In der Nähe befindet sich eine weiterführende Schule und in den Freistunden ist hier Schüler -Treff. Die meisten sind um die Sechszehn. Gerade die Jungen erinnern mich an meine Jugend. Die Mädchen weniger. Sie sind mir zu fremd gestylt, wie YouTube Videos, die ich mir nicht anschaue. Jungen und Mädchen gehen hier meist getrennt in kleinen gleichgeschlechtlichen Gruppen.

Eigentlich hat sich in den letzten fünfzig Jahren kaum etwas geändert. Außer vielleicht, dass mir die Zeit weggelaufen ist und ich sie nicht mehr einfangen kann. Das Kaufhaus macht mir auch das schmerzlich bewusst, zeigt mir immer wieder, daß ich hier eigentlich ein Fremder bin, der in seinem   Leben nirgendwo ankommt….oder ist es nur ein Teil von mir, der nicht heimisch werden kann und deshalb das Kaufhaus braucht, wenigstens für zwei bis drei Tage pro Woche. Die übrige Zeit gehe ich schließlich einem normalen Alltag nach, arbeite und kümmere mich um meine Angelegenheiten.

Aber dann verspricht mir das Kaufhaus wieder irgendwas und ich komme ebenso oft her, wie ich am Ende müde aufgebe und nachhause trotte. Den Tag habe ich dann geschafft, immerhin und nachts schlafe ich danach. Also hatte es doch einen Sinn, oder?

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