Gugu´s World

Sönke Paulsen, Berlin

Wenn ein Kind sich mit Händen und Füßen gegen das Schicksal wehrt, könnte es vielleicht Gugu heißen oder ganz anders.

Hier geht es aber um Gugu und seine Welt, ein brasilianischer Film von Allan Deberton der diesjährigen Berlinale, der vermutlich einen Zuschauerpreis bekommt. Im prall gefüllten Haus der Kulturen der Welt, vor mindestens zweitausend Zuschauern, wurde das kleine Drama mit einem abschließenden Augenzwinkern gezeigt und erhielt stehenden Applaus, genau wie das Film-Team, das am Ende auf die Bühne kam. Absolut verdient, wie ich meine.

Der Halbwaise Gugu wird auf dem Lande von seiner geliebten Großmutter aufgezogen, die sich langsam in eine Demenz verstrickt, welche sie immer verrücktere Sachen machen lässt. Der elfjährige Junge ruft seine Freunde zur Hilfe, die ihm Medikamente von der Mutter eines Freundes bringen, welche eigentlich gegen Depression gedacht sind. Dilmas Stimmung bessert sich daraufhin, aber sie wird immer unberechenbarer, verschwindet zuletzt spurlos. Schließlich findet Gugu sie am Ufer des Stausees wieder, in dem seine Mutter begraben liegt, die als Aktivisten gegen dieses Projekt vor zehn Jahren erschossen wurde. Dilma trauert Eleni desto mehr nach, destoweniger sie sich in der Realtiät zurecht findet. Gugu sieht nur noch die Möglichkeit sie zumindest nachts in ihrem Zimmer einzusperren, damit sie nicht wegläuft.

Gleich in der ersten Szene bricht Gugu mit seinem Fahhrad und einem silbernen Umhang, den er sich gebastelt hat auf. „Wohin willst Du,“ fragt die Großmutter. „Die Welt retten,“ antwortet Gugu. Elfjährige Jungen möchten wohl überall auf der Welt Helden sein, die den Lauf der Welt zum guten ändern wollen. Aber Gugu trifft nur auf seinen Vater, der mit seinenm Tankwagen langsam an ihm vorbeirollt. Man weiß in dieser Szene noch nicht, dass es sein Vater ist, der inzwischen mit einer neuen Frau und Gugus Halbschwester glücklich zuammen lebt. Seinen Sohn aber nicht in seine neue Familie integrieren konnte.

Warum, das beantwortet der Film in kleinen Portionen. Der Vater ist an seinem Sohn interessiert, aber ihm fehlt das Verständnis. Was ist mit seinem Sohn, der ein örtlicher Fußballstar ist und sich trotzdem gern schminkt und weiblich wirkende Kleidung anzieht? Auf einer Feier zeigt Gugu sein tänzerisches Talent und verblüfft damit seinen Vater, der dennoch ängstlich Abstand hält, weil Gugu so anders ist, als er. Gugu ist viel mehr wie seine rebellische Großmutter und schließlich sagt der ihm, dass er auch seiner verstorbenen Mutter sehr ähnlich sei. Die Identität, die sich bei dem Jungen herausbildet, behagt dem Vater nicht und er droht immer mehr, den Kontakt zu seinem Sohn zu verlieren.

Letztlich ist es die Demenzerkrankung der Großmutter, welche die beiden zusammenführt. Sie kann nicht mehr ohne Aufsicht leben und geht in eine Pflegeeinrichtung und Gugu zieht zu seinem Vater, der Stiefmutter und der Halbschwester, die sich alle in einer sehr warmen Art um ihn bemühen.

Der Junge aber, hadert mit seinem Schicksal und will die Großmutter nicht loslasen, besucht sie im Heim und erträgt es, dass sie ihn teilweise nicht mehr erkennt. Er will nur bei ihr sein!

Der Vater besucht Gugu auf dem Fußballplatz und bringt ihm das Motorradfahren bei. Er bemüht sich aufrichtig, wird aber hart, als er Gugu geschminkt mit seiner Halbschwester antrifft. Ich glaube, dass der Junge seinem Vater deshalb keine Chance geben kann, weil er diese Härte nicht erträgt oder nicht ertragen möchte. Dann doch lieber die Demenz der Großmutter.

Am Ende des Filmes besucht Gugu sie heimlich während der Nacht und wird dieses Mal von ihr erkannt. Er bringt ihr die geliebten Ohrringe. Dilma und Gugu tanzen miteinander und fliehen schließlich auf dem Motorrad des Vaters von diesem Ort. Wohin, kann man nicht wissen, aber sie wirken glücklich dabei.

Das utopische Ende mag auch den vielen Kindern gefallen haben, die diesen Film ansahen und am Ende begeistert klatschten. Die Rebellion gegen das Schicksal ist ein Thema, das besonders Kinder und Jugendliche zu berühren scheint. Ich kann das gut verstehen und bin selbst jemand, der das eigene Schicksal nie annehmen konnte. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ich habe viel aus meinem eigenen Leben in diesem Film wiedergefunden und einige Tränen geweint. Am Ende war ich dankbar, dass das Licht nicht sofort anging und ich mein Gesicht erst einmal trocken wischen konnte. Der Film hat bei mir zwar alte Wunden aufgerissen, was aber auch tröstlich, weil mir klar wurde, dass ich mit meinem Schicksal, der Scheidung meiner Eltern, die Einsamkeit an der Seite meines Vaters und die späteren Probleme mit Partnerinnen und meiner eigenen Familie überhaupt nicht alleine dastehe. Ich danke dem Regisseur und dem Drehbuchautor, die auch Teile ihrer eigenen Kindheit verarbeiteten, dafür.

Ich weiß nicht, ob alle Darsteller, die dort auf der Bühne standen den Schmerz erlitten, den sie gespielt haben. Aber die Darstellerin der Großmutter Dilma, eine bekannte brasilianische Schauspielerin, meinte, dass der Schmerz erträglich war, weil viel menschliche Wärme im Spiel war. Ich finde das auch, fühle mich aber auch heute, einen Tag nach der Premiere des Filmes noch bedrückt und spüre die Verzweiflung meiner Kindheit ohne mich wirklich dagegen wehren zu können. Es wird wieder abklingen und immerhin habe ich mich auf diese Weise einmal verstanden gefühlt. Gugu sei Dank!

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